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31. Januar 2017

Restaurierungsbericht Ardie 500

vielen Dank an Karsten für die Übersendung des Berichtes!

Mein Ardie Jubiläumsmodell .....

könnte 17 Jahre nach der Restaurierung mal eine neue Satteldecke gebrauchen. Bei der Suche im www. stieß ich auch auf das VFV-Motorad-Forum.
Dort trug ich mein Anliegen vor und schrieb eine kurze Vorstellung meiner Maschine. Ich wurde daraufhin gebeten die ganze Story doch mal ausführlicher zu berichten. Da ich mir auch schon überlegt hatte das mal niederzuschreiben (ich bin wohl dereinzige der es noch komplett erzählen kann) sagte ich zu …

Also ich bin der Karsten, 1961 geboren, wohne an der Ostsee und war immer das Küken unter den Oldtimerfreunden, denn ich fahre und restauriere schon seit 1979 alte Motorräder.
Eigentlich haben mich damals die günstigen Versicherungsprämien auf dieses Hobby gebracht. Im Sommer fuhr ich die teuren Japaner und Motocross, im Winter Horex Regina Sport! Nach Horex, Husqarna, Honda, Yamaha, Maico, Suzuki, 2xBMW, Victoria, Raleigh, KTM,..... sollte mein nächstes Projekt eine deutsche 500er so um 1930 sein.
Meine gewachsenen Kenntnisse und die Ausstattung in meiner Werkstatt ließen es auch mittlerweile zu, dass ich alle anfallenden Arbeiten selbst ausführen konnte.
Verchromen und Zylinder bohren sind wohl die einzigen Arbeiten die ich nicht selbst erledige.

Mitte der '90er stolperte ich dann in der Oldtimer-Markt über eine angebotene Ardie 500 v. 1930. Es war das Jubiläumsmodell, welches Ardie 1930 zum 10jährigen Firmenjubiläum anbot. 490ccm / 14 PS sv JAP Motor , Steckachsen/untereinander tauschbare Räder, viel mehr braucht man über die Ardie fast nicht sagen ….., wäre da nicht der Preis!
1190,- RM kostete damals die vollausgestattete Ardie und das war das Interessante: Sie war wohl die erste Maschine die komplett mit Licht, Ladeanzeige, Hupe und Tachometer angeboten wurde (Tankanzeige gab es für 10,-RM Aufpreis extra). Man gab schon damals zu bedenken, dass so Licht Hupe und Tacho mit im Kaufpreis finanziert werden konnten und nicht wie sonst üblich hinterher noch extra bezahlt werden mussten …..


Für meine Ardie wurde also an einem Freitag Nachmittag ein Besichtigungstermin vereinbart. Sie zeigte sich schön rostbraun aber mir und meinem Begleiter war sofort klar, die muss ich haben! So einen unverbastelten Originalzustand fand man auch damals schon nicht so oft. Es waren noch die originalen Ballonreifen (27x4), Bowdenzüge, usw. … montiert (siehe Fotos). Lediglich Hauptscheinwerfer, Rücklicht, eine Werkzeugtasche und ein Tankdeckel fehlte.
Aber in der vorhandenen Werkzeugtasche lag noch das originale Werkzeug, der erste originale KFZ-Brief war auch da und eine Geschichte gab's noch obendrauf.
Leider waren wir nicht die einzigen, die so begeistert von der Maschine waren… Der Verkäufer wollte uns auf den nächsten Tag vertrösten, weil sich da noch ein paar Holländer und ein Museum aus dem Ruhrpott angesagt hatten. Er plante dann wohl so eine Art Versteigerung?
Als ich dann aber in gebrochenen Platt auf die Verbundenheit zwischen Meckelbörger und Schleswig-Holsteiner verwies und ihm außerdem versicherte dass ich die restaurierte Maschine vorführen werde, bekam ich dann doch gleich den Zuschlag!


Wie das Leben dann so spielt, wurde mir gar nicht viel später auch noch eine AJS model D von 1919 (800ccm/V2) zum Kauf angeboten. An der hatten sich über 14 Jahre schon 2 Besitzer versucht sie zu restaurieren, sie hatten sie aber nicht mal zum laufen gebracht …..
Es wurde also erst die AJS aufwendig restauriert, die Ardie musste warten.
Die Zeit konnte ich aber für eine Bestandsaufnahme nutzen, Fehlteile besorgen und außerdem konnte ich die kompl. Historie meiner Ardie in Erfahrung bringen.
Einen Teil hatte mir ja schon der Verkäufer erzählt, den anderen Teil erfuhr ich von der Frau des Erstbesitzers, welche ich über den originalen Kfz-Brief ausfindig machen konnte:
Ihr Mann, damals Stellmachermeister im Jerichower Land (bei Magdeburg) kaufte die Maschine 1930 und fuhr damit im Landkreis auch zur Kundschaft …Wahrscheinlich 1939 wurde das Motorrad zerlegt und auf dem Speicher versteckt. In den '70ern wollte der Schwiegersohn sich dort eine Wohnung ausbauen.
Baumaterial war aber knapp und so kam es, dass die Ardie für Badezimmerfliesen eingetauscht wurde! Dieser „Fliesenhändler“ wiederum hatte später einen ordentlichen Unfall mit dem Trabi seines Vaters. Glücklicherweise kannte er aber den Leiter einer KFZ Instandsetzung der NVA… Die Ardie wurde nun gegen eine Rohkarosse vom Trabi getauscht!
Und dieser nun ehemaliger Leiter der KFZ Instandsetzung der NVA war mein Verkäufer.

1998 ging es dann endlich los, die Ardie wurde restauriert !

Eigentlich war alles ein Klacks, um mal an den „Klacks“ (Ernst Leverkus) zu erinnern... Sie hatte 49.551 Km gelaufen und der Verschleiß war überall schulbuchmäßig. Rahmen, Tank, Blechteile, Räder und alles waren aber gerade, Rost war nur oberflächlich.
Die fehlende Werkzeugtasche habe ich kurzerhand angefertigt (siehe Bild), der fehlende Tankdeckel wurde durch eine von mir selbst angefertigte Tankuhr ersetzt. Im Motor wurde praktisch alles erneuert (siehe Fotos).
Getriebe wurde neu gelagert, Kupplung neu belegt, Ruckdämpfer erneuert. Gabel neu ausgebuchst, Radnaben neu gelagert (siehe Foto), Räder zentriert. Auf die Bremsbacken wurden neue Beläge aufgeklebt und zwar im Umluftherd unserer Küche.
Das mache ich aber nie wieder !! Die Wohnung hat noch eine Woche später danach gestunken, das gab Mecker..! Dann noch das Übliche: Neue Ketten, neue Kettenräder angefertigt, neue Bowdenzüge aus original Material, gewebeummantelte Kabel, neuer Kondensator für den Zündmagneten (Bosch D1A), Schieber und Nadeln neu im Vergaser (AMAC 6/001), (...)
Blieb nur noch die Optik:

Den Rahmen habe ich kunststoffbeschichten lassen, lackiert habe ich alles selber. Ich meine tiefschwarz RAL9005 und beim Tank kam mir wieder der originale Zustand entgegen (siehe Foto). Den Ardie Schriftzug gab es zu dem Zeitpunkt zwar in der Form aber nicht in der Farbe. Er wurde dann aufgrund meiner guten Originalfotos angefertigt/als Serie aufgelegt.
Bei den blanken Teilen bin ich vom Original abgerückt: Das Meiste war ja schon verchromt, ich meine nur der Auspuff war vernickelt ….. Da ich aber selber vernickeln kann und mir Nickel an einer Maschine von 1930 sowieso besser gefällt, habe ich alles vernickelt. Nur den Auspuff habe ich fertig geschliffen und poliert weggeben.

1999 kam sie dann zum ersten mal wieder auf die Straße. Alles lief bestens, sie musste ja allerdings noch etwas eingefahren werden. Von der ersten etwas weiteren Ausfahrt, kehrte sie dann aber leider im LKW zurück. Bei 60 Km/h blockierte der Motor schlagartig, Vollbremsung!! Nach Abkühlung war er wieder frei. Kolbenklemmer? Konnte doch eigentlich nicht sein ..

War es auch nicht:
Ich hatte das Gleitlager der Kurbelwelle wohl etwas zu genau angefertigt!
Also mit dem Läppdorn die Buchse noch mal 1-2 1/100 weiter gemacht und von da an schnurrte sie wie ein Lanz-Bulldog.
Ich kann mit ihr bei 75-80 Km/h auch auf der Bundesstraße gut mithalten und einen langsameren LKW mit etwas Anlauf auch noch überholen. Ihre angegebene Höchstgeschwindigkeit von 100 Km/h schafft sie …
.. Sie war zwar auch schon beim Treffen in Ibbenbühren, aber eigentlich meide ich solche Veranstaltungen, denn mit 30er Schnitt herumfahren ist nicht so mein Ding.
Mit Zelt und Schlafsack eine Veranstaltung so im 300Km Umkreis besuchen, mag sie/ich mehr. Die letzten Jahre hat sie aber viel gestanden, da ich auch noch weitere Motorräder besitze und besonders mein Gespann für den alltäglichen Oldtimer-Markt Besuch mit einigen Vorzügen lockt.. Die Elbe runter bis ins Jerichower Land wäre mal so eine Tour für dieses Jahr, aber vorher müsste ich erst einmal meine klebrige Wittkop-Satteldecke erneuern.

Weiß da jemand etwas...?

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Der Schieber lässt sich nach links/rechts verschieben und zeigt dem Effekt der Restaurierung
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